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Wie trinkt man Whisky richtig?

Eigentlich sollte man nicht Whisky trinken, sondern genießen. Wir erklären Ihnen wie Sie ihre ersten Erfahrungen mit guten Whisky voll auskosten und die Besonderheiten eines Whisky ergründen können.

Die richtige Stimmung

Einen edlen Tropfen sollte man nie dazu missbrauchen Ärger oder Stress herunter zu spülen. Frust, Gram und Alkohol gehen im Allgemeinen keine nutzbringenden Verbindungen ein. Hochprozentiger Alkohol ist nicht dazu geeignet Scherereien hinweg zu spülen. Über Gebühr beansprucht bringt er meistens nur noch mehr Ärger.

Das einzig Erfolg verheißende Motiv ist echte Freude am Genuss. Sie entspringt einer Stimmung, die sich nicht erzwingen lässt. Ein gelungenes Whiskytasting kann ebenso wenig in einem Zeitfenster zwischen zwei Terminen stattfinden. Als bester Zeitpunkt bietet sich der Abend an, wenn die die Hektik und die Mühen des Tages ihr Ende finden und man zur Ruhe kommt.

Die klassische Einheit einer Portion Whisky ist in schottischen Landen ein „dram“. Es entspricht grob einer Menge zwischen 25 und 28 Milliliter eines Destillats. Traditionell bestimmt die Geberlaune des Einschenkenden die exakte Menge. In jedem Fall ist es das perfekte Maß um einen Whisky in all seinen Besonder- und Eigenheiten kennenzulernen. Doch ein Wort zur Warnung: Wer täglich seinen Whisky trinkt, ist rasch nicht mehr in der Lage selbst den besten Malt zu genießen.

Verschiedene Whiskyglaeser

Das richtige Glas

Ähnlich wie bei einem Tropfen edlen Weines erleben wir gerade beim Whisky viel zu oft, dass der im falschen Glas serviert unser Geschmackerlebnis beträchtlich trübt. Der Tumbler ist ein kurzer Trinkbecher mit verstärktem Boden. Er eignet sich für Erfrischungsgetränke, die „on the rocks“, über Eiswürfel gegossen zu genießen sind. Der Durchmesser der Tumbleröffnung ist mindestens gleich groß, zumeist größer als jener des Bodens. Viele Händler bieten den Tumbler immer noch als klassisches Whiskyglas an, obwohl er gerade für dieses Getränk ungeeignet ist.

Dem Kenner schaudert die Vorstellung eines „Whisky on the rocks“, gibt doch ein Malt auf Eis kaum noch Aromen ab. In seiner Whiskybar werden wir also vergeblich nach einem Tumbler Ausschau halten. Er bevorzugt Gläser, die sich zur Öffnung hin verjüngen. Sie haben in etwa die Form einer Tulpenblüte, die auf einem Stiel sitzt. Dieses Glas ist aufgrund seines Designs optimal dazu geeignet, das Aroma eines edlen Tropfens für den Genießer festzuhalten.

Die Form ist entscheident

Das ideale Whiskyglas wirkt elegant und es ist dünnwandig. Die Wärme der das Glas umfassenden Hand geht mit dem Single Malt eine Verbindung ein. Diese bewirkt, dass sich das Aroma in seiner ganzen Vielfalt sanft entwickelt. Mit einem tiefen Atemzug saugt der Verkoster die Aromen mit seiner über die verjüngte Glasöffnung gehaltenen Nase ein. Bezeichnenderweise sind diese Gläser dem Experten als Nosinggläser geläufig.

Das ideale Glas erweitert sich nach seiner Verjüngung zum Austritt hin wieder und schließt mit einer Art Lippe ab. Ein zu enger Austritt bewirkt nämlich, dass das Destillat in einem Schwall zuerst auf den hintersten Zungenbereich auftrifft. Die dortigen Geschmacksknospen nehmen die Bitterstoffe der Holzfassreifung auf, was den ersten Geschmackeindruck entsprechend schmälert. Niemand begeistert sich ernsthaft für ein dominant bitter schmeckendes Getränk. Die Glaslippe lässt den Single Malt langsam auf die Zunge gleiten, wo der Verkoster die Aromen in ihrem ganzen Reichtum wahrnimmt. Erst im Zuge des Abgangs wird das Geschmackserlebnis durch die zartherbe Bitternote im hinteren Gaumenbereich vollständig.

Wer einen vergleichsweise leichten Single Malt aus den schottischen Lowlands verkosten möchte, wählt ein mittelgroßes Nosingglas mit Lippe aus. Stärkere Malts, wie diese vor allem in der Küstenregion vorkommen, bedürfen eines größeren Nosingglases, damit sich ihr Aroma großzügiger entfaltet.

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Kristall für die Farbe

Natürlich lassen sich die Gläser auch hinsichtlich der Glasqualität unterscheiden, denn schließlich genießt ja auch das Auge mit. Ehe sich ein Whiskykenner an die Verkostung eines edlen Geistes macht, erfolgt immer eine erste optische Begutachtung. Zwar ist der Gebrauch industriell gefertigter, spülmaschinengeeigneter Gläser unkomplizierter, doch würde der Malt darin sein strahlend leuchtendes Bernsteinfeuer nicht preisgeben. Derartiges behält er sich für hochwertige Kristallgläser vor. Diese haben eine glattere Oberfläche, auf der das Destillat seine mehr oder weniger trägen Schlieren zeichnet, die uns Rückschlüsse auf seine Dichte, seine Zähigkeit gewähren. Wenn der Alkoholgehalt eines guten Single Malt irgendwo zwischen 43 und 46 Prozent liegt, ist seine Zähigkeit in der Regel optimal. Bei der optischen Begutachtung kommt schließlich noch die Auswirkung ätherischer Öle auf die Zähigkeit zum Tragen. Der passionierte Whiskyfreund weiß, dass die Vorfreude auf einen edlen Tropfen im gar noch mundgeblasenem Glaskunstwerk an Genuss kaum zu überbieten ist.

Unverzichtbar für jegliche Verkostung ist jedenfalls eine rückstandslose Reinigung. Das Glas ist vor seinem Einsatz spülmittelfrei mit der Hand und viel heißem Wasser zu spülen. Es ist sauber, trocken und trägt keinerlei Fremdaromen.

Den Whisky riechen

Wir haben uns also für eine Sorte entschieden und ein dram in das passende Nosingglas gegossen. Über die beste Technik des Riechens gehen die Meinungen der Experten auseinander. Die einen raten nun das befüllte Whiskyglas sanft zu schwenken, anderen wiederum mahnen, das Glas nur zu kippen und die Innenwände sachte zu umspülen. So oder so ist der Malt zu bewegen, sein Aroma dem Verkoster rückhaltlos preiszugeben.

Nach dem Schwenken oder Kippen saugen also die Verkoster mehrere Minuten hindurch das Aroma durch die Nase ein und lassen das Geschmackserlebnis auf sich wirken. Hier gibt es kein richtiges oder falsches Ergebnis. Was dem einen Verkoster offensichtlich ist, erscheint dem anderen völlig an den Haaren herbeigezogen. Die Wahrnehmung von Geschmäckern und Düften sind ohne Zweifel subjektiv. Zumeist spiegeln sie die Vorlieben und die Erfahrungsgeschichte des Verkosters ab.

Das ausführliche zelebrierte Nosing ist fixer Bestandteil eines Rituals, das die Vorfreude auf den ersten Schluck steigert. Der passionierte Whiskyfreund ist voller Eigenheiten und wird mit dem einen oder anderen ganz unverzichtbaren Detail aufwarten. Allen ist jedoch gemeinsam, dass sie ihren Whisky niemals wie einen „shot“ hinunterstürzen und das Angebot von Eiswürfeln entschieden ablehnen.

Beim Nosing ist es wichtig, dass das Aroma des zu verkostenden Single Malt mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten eingesogen wird. Beim langsamen Einsaugen des Aromas knapp über der Glasöffnung transportieren Sie nämlich auch die kleinsten und feinsten Aromapartikel zu den Schleimhäuten. Dort sitzen Geruchsrezeptoren und ermöglichen ein ganz eigenes Geruchserlebnis. Anders fällt das Ergebnis aus, wenn Sie die Luft nun schneller durch die Nase einsaugen, denn dann erreichen nur die größeren Aromapartikel die Nasenschleimhäute. Beide Duftnoten, so unterschiedlich sie auch sein mögen, gehören zum Gesamtbild dieser bestimmten Whiskysorte und sollten bewusst wahrgenommen werden.

Viele Experten haben die Eigenheit entwickelt, das Aroma mit unterschiedlichen Nasenlöchern einzusaugen. Sie sind davon überzeugt, dass jedes Nasenloch unterschiedlich viele Geruchszellen, ein eigenes Luftvolumen und eigene Transportgeschwindigkeit der Atemluft hat. Also wiederholen sie das Ritual mit dem anderen Nasenloch. Diese Technik ermögliche ihnen die unterschiedlichen Geruchseindrücke eines Destillats vollständig zu erfahren, meinen sie.

Wem daran liegt einen Whisky wirklich kennenzulernen, hat vor der Verkostung weder Bier noch Wein getrunken. Ebenso hat er auf scharf gewürzte Speisen verzichtet. Ein passionierter Verkoster raucht vor einer Degustation auch nicht und am allerwenigsten kommen für ihn Zigarren in Frage. Bei Rauchern sind zumeist die Geschmacksknospen auf der Zunge so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie sich besser an die kräftigeren Sorten halten.

Grundsätzlich wäre ein Single Malt auch ein ausgezeichneter Digestiv, der einem reichhaltigen Dinner den krönenden Abschluss schenkt. Diese Reihenfolge ist bei einer Verkostung aber gänzlich ungeeignet. Wie der Name schon verrät, ist ein Single Malt Whisky also im Idealfall auch „single“, also alleine zu genießen. Er eignet sich weder sonderlich als Kompagnon anderer Getränke, noch als Nebenbuhler anderer Beschäftigungen. Er liebt den Soloauftritt um seine vollständige Wirkung entfalten zu können und hierfür bedarf er der ungeteilten Aufmerksamkeit. Geht das Glas zur Neige, so empfiehlt es sich höchstens einen Nachfolger zu bestimmen. Dies kann ein dram derselben Sorte sein oder aber eine Einheit einer dazu geeigneten anderen Sorte Single Malt.

Den Whisky schmecken

Ein edler Tropfen Single Malt sollte bei seiner Verkostung genauso viele Sekunden auf der Zunge verbleiben als er Jahre alt ist. Zuerst wird der Whisky nur von der Zungenspitze aufgenommen und im unteren Gaumenbereich gehalten. Von dort drückt der Kenner den Whisky wiederholt gegen den oberen Gaumen ehe er ihn sanft in den hinteren Mundbereich saugt und ihn auf seinen Abgang vorbereitet. Dieser Prozess wird in Amerika „chewing“ genannt, da er tatsächlich etwas an das Kauen erinnert. Die Geschmacksknospen auf der Zungenspitze gewähren uns ein anderes Erlebnis des Aromas, als der hintere Zungenbereich und die Schleimhaut des gesamten Mundraums. Das Geschmackserlebnis umfasst neben den vielfältigen Aromen die Zähigkeit der Flüssigkeit und den Körper des Single Malt.

Auch wie sich der Whisky im Mund anfühlt, das „mouthfeel“, ist eine eigene Kategorie zur Bewertung dieser Spirituose. Im Abgang werden, wie bereits erwähnt, die Bitternoten der Holzreifung wahrgenommen. Ebenso kommt es auf das Wärmeempfinden an, dass das hinabgleitende Destillat auslöst und ob dieses den Magen erreicht oder eher nachlässt. Ist die Wärme wohlig warm oder eher feurig stechend und wann versiegt die Wärme des Abgangs.

Nach dem ersten Schluck des verkosteten Whiskys beginnt der Prozess von vorne. Erneut wird das Glas sanft geschwungen und geneigt um das Aroma zur Entfaltung und Wahrnehmung durch die Nase zu bringen. Das Erlebnis ist im Vergleich zum ersten Durchgang ein anderes, weil die neu eintretenden Aromen nun das Echo des bereits getanen Schlucks begrüßen.

Zur Verkostung eines edlen Single Malt Whiskys gehört das Gesamterlebnis. Das dram in Ihrem Nosingglas hat sich mit zwei Schlucken in der Regel keineswegs verbraucht. Wollen Sie sich eine Pause gönnen, so decken Sie ihr Glas nun geruchsneutral ab. Dazu eignet sich besonders eine kleine Glasscheibe in der Art eines rundgeschliffenen Brillen- oder Uhrglases. Damit verhindern Sie, dass Ihr Malt ausraucht und seine Aromen entweichen können. Ist das Glas schließlich geleert, decken Sie es ein letztes Mal ab. Sehr viele Malts halten für Ihre Kenner noch eine angenehme Überraschung bereit, wenn sich bereits aller Alkohol verflüchtigt hat. Nach fünf Minuten nehmen Sie die Abdeckung weg und wiederholen das Nosing. Vor allem holzfassgereifte Single Malts zeigen sich hier noch einmal von einer neuen nuancierten Seite. Erst dann ist die Verkostung eines Whiskys wirklich abgeschlossen.

Viele Whiskykenner und solche, die es werden möchten, machen sich Notizen über die Art ihres persönlichen Geschmackserlebnisses. Sie werden staunen, wie sehr sich Gaumen, Geschmack und Vorliebe mit zunehmendem Alter und wachsender Erfahrung wandeln.